Alles ist zu laut: Hyperakusis - die unbekannte Krankheit

Patienten leiden unter gesteigerten Empfindlichkeit der Geräuschwahrnehmung

Von Cornelia Scherpe
10. Oktober 2014

Wer auf einem Konzert ganz vorn steht, in der Disco zu nah an die Boxen kommt, oder an einer Baustelle vorbeilaufen muss, verzieht das Gesicht und hält sich die Ohren zu. Die lauten Geräusche werden geradezu als schmerzhaft empfunden und man versucht, sich gegen sie abzuschotten.

Was bei lauten Klängen eine normale Reaktion ist, tritt bei "Hyperakusis" bereits bei leiseren Geräuschen auf. Es handelt sich bei der Krankheit um eine gesteigerte Empfindlichkeit gegenüber Schallwellen. Bereits eine normale Geräuschkulisse ist für die Betroffenen unangenehm bis schmerzhaft.

Rund eine Millionen sind in Deutschland betroffen

Die Krankheit ist vielen zwar unbekannt, doch ihre Verbreitung ist groß. Allein in Deutschland sind Schätzungen zufolge rund eine Million Menschen betroffen. Oft leiden die Patienten zusätzlich an Tinnitus. MRT-Untersuchungen haben dabei gezeigt, dass Hyperakusis offenbar die Ohrgeräusche bei Tinnitus weiter verstärkt. Diese Patienten leiden also noch stärker.

Gehirn ist Ursache des Problems

Die gute Nachricht für alle Hyperakusis-Betroffene ist jedoch: Die Störung kann behandelt werden. Erkrankt ist nämlich nicht das Ohr, sondern das Gehirn. Es liegt ein neurologisches Problem vor, dem man sich annehmen kann. Psychologen erklären die Behandlung mit einer Weichenstellung bei der Bahnfahrt.

Das Gehirn ist in der Lage, die über die Ohren wahrgenommenen Reize zu bewerten und zu filtern. Bei Hyperakusis ist die Wahrnehmung auf Verstärkung gestellt. Alles wird deutlicher, lauter und extremer wahrgenommen.

Gute Behandlungschancen

Diese Weiche kann man jedoch durch eine Therapie bewusst umstellen. Danach werden die Geräusche natürlich noch immer gehört, doch nun bewertet das Gehirn sie normal und die Patienten nehmen die Lautstärke genauso wahr, wie gesunde Menschen. Studien zeigen, dass bei einer konsequenten Behandlung nach circa einem Jahr gut 90 Prozent der Behandelten keine Probleme mehr haben.